Skandalisierung fördert verantwortlichen Umgang mit Geschichte nicht - Stiftung stellt Mittel für weitere Forschung bereit
Britischer Politikwissenschaftler präsentiert Tatsachen zur Stiftungsgeschichte als neu aufgedeckten Skandal und bedient sich dabei der Forschungsergebnisse, die bereits seit zehn Jahren von der Stiftung publiziert werden.
In einem Beitrag für die April Ausgabe der britischen Zeitschrift „Standpoint Magazine“ setzt sich der Politikwissenschaftler Dr. Michael Pinto-Duschinsky unter dem Titel „The Prize Lies of a Nazi Tycoon“ kritisch und mit erheblichen Vorwürfen nicht nur mit der Vergangenheit der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. und ihres Stifters, sondern auch mit ihrem heutigen Umgang mit dieser Geschichte auseinander. Pinto-Duschinsky, der bei seinen Recherchen von der Stiftung unterstützt wurde und entgegen seinen Behauptungen uneingeschränkten Zugang zu den Archiven zugesichert erhielt, präsentiert dabei eine Vielzahl von Tatsachen als von ihm aufgedeckten Skandal, die die Stiftung bereits vor zehn Jahren als Bestandteil ihrer historischen Aufarbeitung erforschen ließ und publizierte. In seinem Beitrag zitiert er heutige Stiftungsvertreter aus dem Zusammenhang gerissen, stellt das Bemühen um Aufarbeitung unvollständig dar und zeichnet ein eher groteskes Zerrbild einer gemeinnützigen Institution, die vermeintlich noch immer die Augen vor ihrer eigenen Geschichte verschließt.
Eine Übersicht über den Vorlauf der Diskussion seit 2008, über die Position der Stiftung sowie weitere Informationen zum Vorgehen von Herrn Dr. Pinto-Duschinsky sind hier nachzulesen: Brief von Ansgar Wimmer an Dr. Michael Pinto-Duschinsky vom 11.01.2010 (pdf). Der Brief ist auch die Grundlage, aus dem Zitate aus dem Zusammenhang genommen und für obigen Artikel verwendet werden.
Ungenannte Quelle der als neu präsentierten Fakten zur Stiftungsgeschichte ist u.a. die 2008 erschienene Biografie "Alfred Toepfer" von Dr. Jan Zimmermann. (hgg. v. der ZEIT-Stiftung in der Reihe Hamburger Köpfe, Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2008).
Dr. Jan Zimmermann hat auf eigene Initiative und mit Unterstützung der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. in einer präzisen Analyse (pdf) nachgewiesen, welche Erkenntnisse von Herrn Dr. Pinto-Duschinsky tatsächlich neu sind und inwieweit die Publikation von Dr. Pinto-Duschinsky auf bereits publizierter Forschung Dritter beruht. Bedauerlicherweise legt Dr. Pinto-Duschinsky die umfangreiche Nutzung fremder, von der Stiftung geförderter Forschungsergebnisse nur sehr begrenzt offen. Ungeachtet dessen hat sich die Stiftung auch den neuen Forschungsergebnissen und der damit verbundenen Kritik zu stellen und tut dieses.
Seit vielen Jahren betont die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. die Notwendigkeit einer rückhaltlosen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und akzeptiert die Verantwortung für die Verstrickungen ihres Stifters in der Zeit des Nationalsozialismus. Aus ihrer Erklärung Transparenz als Leitgebot wird deutlich, dass sie sich von diesen wie auch seiner Unterstützung für Akteure des Regimes in der Nachkriegszeit längst deutlich distanziert hat und diese uneingeschränkt bedauert. Nicht nur in ihrer programmatischen Arbeit, sondern auch in ihrem Bemühen um Geschichtsaufarbeitung ist die Stiftung heute weit entfernt davon, irgendeinen Aspekt ihrer Geschichte oder ihres Stifters zu beschönigen, zu verschleiern oder zu rechtfertigen. Leider ist auch der begleitende Kommentar des Editors vom "Standpoint Magazine" sowie ein nachfolgender Kommentar in der "Sunday Times" vom 28.03.2010 von profunder Unkenntnis über die heutige Arbeit und Ausrichtung der Stiftung geprägt. So informiert die Stiftung heute von sich aus und umfassend ihre aktuellen Preisträger und Stipendiaten über die Kontroversen um ihre Vergangenheit und stellt sich jeglicher diesbezüglicher Debatte.
Eine differenzierte und sachliche Auseinandersetzung mit der Thematik veröffentlichte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in der Ausgabe vom 07.04.2010 unter dem Titel "Gutes Geld, dunkle Absichten". Weiterhin ist am 30. April 2010 ein Bericht in der Oxforder Studentenzeitung "Cherwell" erschienen. Am 10. Juni 2010 hat Herr Dr. Pinto-Duschinsky in einem Kommentar „How historians remove stains“ für die in London erscheinende „Jewish Chronicle“ seine Vorwürfe gegen die Stiftung wiederholt, verschärft und mit gravierenden Anschuldigungen auf die geschichtswissenschaftliche Forschung an der Universität Oxford ausgeweitet. Hierzu hat die Stiftung gegenüber der Londoner Wochenzeitung unter der Überschrift „Bordering on the absurd“ Stellung bezogen. Zudem veröffentlichte die „Jewish Chronicle“ am 2. Juli 2010 unter dem Titel „History Rebuttal“ einen Leserbrief der Oxforder Historiker Prof. Jane Caplan und Dr. Nicholas Stargardt, der sich kritisch mit den von Dr. Pinto-Duschinsky geäußerten Vorwürfen gegenüber der Universität Oxford auseinandersetzt. Schließlich veröffentlichte das „Oxford Magazine“ im Juni 2010 eine Stellungnahme des Oxforder Historikers Prof. Dr. Hartmut Pogge von Strandmann.
Zur Vorbereitung eines Gesprächs mit Vertretern der Universitäten Oxford und Cambridge hat die Stiftung schließlich in englischer Sprache eine umfassende Stellungnahme „To be unambiguously clear“ vorgelegt, in der sie zu ihrer eigenen Geschichte, aber auch zu den Vorwürfen von Herrn Dr. Pinto-Duschinsky, seiner „Forschung“ und der Art seines Vorgehens Stellung bezieht. Im Sinne der Transparenz wird die Stellungnahme an dieser Stelle veröffentlicht, die sehr umfangreichen Anlagen hierzu sind, soweit sie nicht bereits auf dieser Seite dokumentiert sind, auf Wunsch im Archiv des Hanseatischen Wirtschaftsarchivs einsehbar. Bedauerlicherweise hat sich Herr Dr. Pinto-Duschinsky geweigert, an dem von den Universitäten Oxford und Cambridge initiierten Gespräch teilzunehmen, auch ist der von ihm im DeGruyter Verlag angekündigte wissenschaftliche Beitrag von den Herausgebern zurückgezogen worden.
Die Stiftung stellt aktuell weitere Ressourcen zur Verfügung, um eine unabhängige wissenschaftliche Befassung mit ihrer Geschichte und der ihres Stifters zu ermöglichen. So steht Wissenschaftlern, die in den Beständen des Hanseatischen Wirtschaftsarchivs oder anderen Archiven zu diesem Thema forschen wollen, die Möglichkeit offen, formlos Archivstipendien für forschungsrelevante Kosten zu beantragen. Über die Anträge entscheidet ein von der Stiftung unabhängiges und fachkundiges Gremium unter Beteiligung der Leiterin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden (IGDJ), Frau Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, des Direktors der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg der Universität, Prof. Dr. Axel Schildt sowie des Leiters der KZ Gedenkstätte Neuengamme, Dr. Detlef Garbe.