Eine Laudatio auf den Alfred-Toepfer-Preisträger 2009 Jan Stenlid
von Paul Heydeck, Eberswalde & Jörg Schumacher, Braunschweig
Die Forstpathologische Forschung ist ein hochkomplexes Gebiet. Mit Augenzwinkern und einer Prise Humor haben Paul Heydeck und Jörg Schumacher bei der Preisverleihung des Alfred-Toepfer-Preises 2009 dieses Themengebiet für alle Anwesenden nicht nur verständlich erläutert, sondern auch parallel eine Laudatio auf den schwedischen Preisträger Jan Stenlid gehalten.
Paul Heydeck: Sehr verehrte Damen und Herren, -vitale Bäume, ökologisch stabile und vielschichtige Wälder mit großer Artenvielfalt - das ist zweifellos ein vorrangiges Ziel forstlicher Tätigkeit!
Jörg Schumacher: Ja, - Wald bedeutet wesentlich mehr als die Erzeugung nachwachsender Rohstoffe. Sind es nicht auch die vielen mittelbaren Leistungen, die den Wald für die Allgemeinheit so interessant werden lassen? Dostojewski sagt: „Wie könnte man an einem Baum vorübergehen, ohne glücklich zu sein.“
Aber wie anfällig sind eigentlich Waldökosysteme? Immerhin leben wir in einer Zeit, in welcher klimatische Veränderungen neue Rahmenbedingungen schaffen - sowohl für das Wachstum der Bäume als auch für die Entstehung neuer Gefahren, z. B. durch Krankheiten und schädigende Insekten.
Natürlich bleiben solche Prozesse nicht ohne negative Folgen. Abiotische und biotische Faktoren können die Vitalität der Bäume beträchtlich reduzieren.
Und um welche Krankheitserscheinungen könnte es sich dabei aktuell handeln?
Schauen wir einmal genauer hin: Da sind geschädigte Eichen, zurücksterbende Eschen, Befallsherde in Kiefernbeständen. Neben schädigenden Insekten setzen den Bäumen ja vor allem witterungsbedingte Einflüsse und pilzliche Organismen erheblich zu.
So unterscheidet man abhängig vom Auftreten der Pathogene zum Beispiel zwischen Blatt-, Nadel- und Trieberkrankungen bzw. Wurzel- und Stammfäulen. Bedürfen solche Schadwirkungen nicht einer detaillierten Analyse?
Aber ja! Derartige Untersuchungen sind Gegenstand der forstlichen Phytopathologie. Man spricht auch kurz von „Forstpathologie“. Das ist eine naturwissenschaftliche Disziplin, die Lehre - ja die Wissenschaft - von den Baumkrankheiten.
Welche Aufgaben fallen denn in den Verantwortungsbereich der forstlichen Phytopathologie?
Grundsätzlich ist hervorzuheben, dass die forstliche Phytopathologie die Ursachen von Krankheitsprozessen erforscht und die Gesetzmäßigkeiten beim Zustandekommen von Pflanzenkrankheiten aufdeckt.
Sicher geht es auch um die eingehende Analyse der prädisponierenden Faktoren sowie der Wirkungen krankheitserregender Organismen.
Richtig: Die Aufgaben reichen bis zur Entwicklung geeigneter Strategien bzw. Verfahren mit dem Ziel, die Risiken für Krankheiten zu reduzieren. Dabei schließt die forstliche Phytopathologie Arbeitsmethoden der Mykologie, der Bakteriologie, der Phytonematologie und der pflanzlichen Virologie ein.
Demnach wäre die angewandte Entomologie - also die Beschäftigung mit den schädigenden Insekten - eigentlich von der Forstpathologie im engeren Sinne fachlich abzugrenzen. Aber welche Persönlichkeiten haben denn die Forstpathologie in der Vergangenheit geprägt und welche Arbeitsschwerpunkte gab es seinerzeit?
Anzuführen wären da beispielsweise Robert Hartig, Moritz Willkomm und Oscar Brefeld. Sie alle hatten bereits im 19. Jahrhundert großen Anteil an der Erforschung der Biologie und Ökologie des Wurzelschwamms (Heterobasidion annosum). Im Mittelpunkt standen seinerzeit auch Krankheiten wie Kiefernschütte, Kienzopf und Lärchenkrebs.
Besonders hervorzuheben ist Robert Hartig, der auch als Begründer der forstlichen Phytopathologie gilt.
Da wir uns hier in Eberswalde befinden, darf ein weiterer Name keinesfalls fehlen: Alfred Möller.
Er befasste sich eingehend mit dem Kiefernbaumschwamm und anderen Pilzarten. Möllers Grabstätte befindet sich übrigens nicht weit von hier hinter dem Waldcampus der Fachhochschule. Und später war es Johannes Liese, der sich in Eberswalde intensiv mit Problemen des Holzschutzes und der forstlichen Phytopathologie beschäftigte.
Immerhin kamen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neue Herausforderungen auf die Forstpathologen zu. Durch die eingeschleppten Nadelschütteerkrankungen an Douglasien und die Holländische Ulmenkrankheit entstanden zusätzliche Arbeitsfelder für die forstliche Phytopathologie.
Welche Fragestellungen stehen nun aber heute im Mittelpunkt der forstpathologischen Forschungen?
Bedingt durch den immens wachsenden globalen Transfer von Saatgut und Pflanzenmaterial sowie aufgrund des weltweiten Klimawandels werden zunehmend Krankheitserreger verschleppt oder wandern in neue Gebiete ein. Einige früher nur selten beobachtete oder als wenig relevant eingestufte Pilzarten treten heute unter den neuen Rahmenbedingungen gehäuft und mit gesteigerter Aggressivität auf.
Andererseits sind es aber doch immer noch Problemkreise, die seit jeher im Fokus der Forstpathologie standen. Beispielsweise trifft das auf den bereits erwähnten Wurzelschwamm - Heterobasidion annosum zu. Durch die Anwendung neuester Labormethoden ist man heute in der Lage, tiefer in die strukturellen Grundlagen und Lebensstrategien vieler Krankheitserreger vorzudringen.
Welche Arbeiten wären denn in diesem Zusammenhang besonders anzuführen?
Dr. Heydeck, Prof. Dr. Stenlid und Dr. Schumacher (v.l.n.r.)Unbedingt genannt werden muss hier die Entschlüsselung des genetischen Codes von Heterobasidion annosum. Damit wurde ein Meilenstein auf dem Weg zu einer moderneren Forstpflanzenzüchtung absolviert. Nicht mehr die klassischen, z. B. mechanischen oder chemischen Methoden zur Schadensminderung stehen hier im Vordergrund, sondern eine effektive Ausnutzung der natürlichen Abwehrmechanismen der Bäume.