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Chronik der Stiftungsgeschichte

Ergebnisse der Historikerkommission Hgg. v. Georg Kreis, Gerd Krumeich, Henri Menudier, Hans Mommsen, Arnold Sywottek

Transparenz als Leitgebot [als PDF]

Stiftungen stehen in der Verantwortung [Pressemitteilung, PDF]

Geschichte

Transparenz als Leitgebot

Alfred Toepfer
Titelseite der ersten Stiftungssatzung

Zur Geschichte der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. und ihres Stifters

Der Hamburger Kaufmann Alfred Toepfer gründete die Stiftung F.V.S. im Jahre 1931, sie wurde nach seinem Tod 1993 nach ihrem Stifter benannt. Aufgrund ihrer lange zurückreichenden Geschichte sieht sich die Stiftung in einer besonderen Verantwortung, ihr Wirken und die kulturellen, politischen und geschäftlichen Aktivitäten Alfred Toepfers zu erforschen und der Öffentlichkeit transparent zu machen.
Für wissenschaftliche Untersuchungen zur Geschichte Alfred Toepfers, seiner Stiftungen und Unternehmungen stellt die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. ein Archiv-Stipendium [PDF] zur Verfügung.

Ein Blick in die Biographie Toepfers

Der Stifter wurde 1894 geboren. Er baute in den 1920er Jahren mit großem Erfolg ein Handelsunternehmen für landwirtschaftliche Produkte auf und ließ deren Erträge 1931 in die Stiftung F. V. S. einfließen, benannt vermutlich nach dem preußischen Reformer und Freiherrn vom Stein. Seine politischen Vorstellungen in dieser Zeit wurden insbesondere von der Pflege des Auslandsdeutschtums, der Förderung einer naturnahen Jugendbewegung und wirtschaftlicher Liberalität geprägt, eine Parteiorientierung ließ sich dabei nicht erkennen. Ein begeisterter Anhänger des Nationalsozialismus wurde Toepfer nach 1933 nicht, in vielen Details ist jedoch Toepfers Unterstützung für einzelne Ziele, Personen und Organisationen des nationalsozialistischen Regimes nachzuweisen, wie unten und in den Publikationen ausgeführt wird. Im Jahr 1938 zog er sich wegen Problemen mit der Finanzverwaltung aus der Firma zurück, wurde deswegen auch kurzzeitig inhaftiert. Ab 1940 diente Toepfer bei der Wehrmacht, zunächst in der Abwehr, später bei der Devisenbeschaffung. Nach dem Krieg wurde er zunächst interniert, in den folgenden Entnazifizierungsverfahren wurde er als „nicht belastet“ eingestuft und nahm die unternehmerische und philanthropische Arbeit wieder auf. Von der neuen Ordnung der Bundesrepublik zeigte Toepfer sich überzeugt und stand bald in Kontakt mit zahlreichen ihrer Repräsentanten.

Stationen historischer Aufarbeitung

Alfred Toepfers Tätigkeit als Offizier der Wehrmacht im besetzten Frankreich wurde in den neunziger Jahren ebenso hinterfragt wie die Zielsetzungen seiner Stiftungen und deren grenzüberschreitende Arbeit in Frage gestellt wurde. Nach dem Tod des Stifters 1993 verschärften sich die Angriffe auf das Wirken der Stiftung und führten 1996 dazu, dass der Straßburg-Preis, der zur Förderung deutsch-französischer Beziehungen eingerichtet worden war, eingestellt wurde. Aus dieser Situation heraus entschloss sich die Stiftung ihre Vergangenheit einer Prüfung zu unterziehen. 1997 hat die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. eine Unabhängige Wissenschaftliche Kommission einberufen, die sich umfassend mit der am Stifter und an den Stiftungsaktivitäten geäußerten Kritik befasste. Die Ergebnisse wurden im Jahr 2000 publiziert.

Die Stiftung bemüht sich mit der öffentlichen Reflexion ihrer Vergangenheit um einen Beitrag zur Erforschung der Rolle von Kultureinrichtungen bei der Errichtung, Befestigung und Ausdehnung der nationalsozialistischen Herrschaft. Auch die Fragen nach personeller Kontinuität im Kultur- und Geistesleben der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 sowie die Frage nach Entwicklungen und Brüchen im kulturellen Engagement einzelner Stifterpersönlichkeiten beschäftigt die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. ganz unmittelbar.


Alfred Toepfer. Stifter und Kaufmann. Bausteine einer Biographie – Kritische Bestandsaufnahme Hgg. v. Georg Kreis, Gerd Krumeich, Henri Menudier, Hans Mommsen, Arnold Sywottek, Hamburg 2000.


Die Kulturpreise der Stiftung F.V.S. 1935-1945. Darstellung und Dokumentation von Jan Zimmermann, in der Schriftenreihe „Akzente für Europa“ Christians-Verlag, Hamburg 2000.


Nach den umfangreichen Untersuchungen zur Stiftungsgeschichte und ihrer Kulturpreispolitik in den 1930er und -40er Jahren erweiterte 2008 eine neue Veröffentlichung in der Reihe „Hamburger Köpfe“ den heutigen Wissensstand um eine biografische Betrachtung Toepfers. Der Historiker Jan Zimmermann untersucht den Werdegang Alfred Toepfers, sein Wirken als Kaufmann und Stifter, seine Verflechtung mit nationalsozialistischer Politik sowie seine Entwicklung zum Engagement für Europa und verfolgt darin auch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts.


von Jan Zimmermann. Hgg. v. der ZEIT-Stiftung in der Reihe Hamburger Köpfe
Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2008
ISBN: 978-3-8319-0295-8, 160 Seiten mit 35 Abbildungen
Preis: 14.90 EUR


Stiftungen stehen in der Verantwortung

Der Forschungsstand ebenso wie das Nachdenken über die Beurteilung und die Konsequenzen aus den Forschungsergebnissen ist kein abgeschlossener Prozess. Die heute für die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. Tätigen und viele ihrer Wegbegleiter befinden sich in fortdauernder Reflexion dazu. Auch von einzelnen Dritten werden Fragen an die Stiftung gestellt bezüglich der Biographie Alfred Toepfers, bezüglich der Geschichte der Stiftung und – vereinzelt – auch bezüglich der Unabhängigkeit des Prozesses der historischen Aufarbeitung. Die Stiftung begegnet diesen Fragen mit Offenheit, unterstützt Forschungsinteressen mit Zugang zu historischen Quellen und ist bemüht ein hohes Maß an Transparenz über offene Fragen und strittige Bewertungen herzustellen, u.a. hier auf der Homepage, siehe AKTUELLE DEBATTEN. Es ist uns ein dringliches Anliegen, die Tätigkeiten des Stifters weder zu relativieren noch zu verharmlosen und allen Interessierten die Kenntnisnahme der Geschichte und eigene Bewertungen zu ermöglichen. 

Als Ausgangspunkt für die weitere Arbeit der Stiftung sieht diese zunächst die Notwendigkeit, verschiedene im Rahmen der wissenschaftlichen Forschung ermittelten Tatsachen ausdrücklich und transparent anzuerkennen und potenzielle Kooperationspartner darauf zu verweisen. Hierzu gehören irritierende Fakten zu Toepfers Unterstützung für einzelne Zielsetzungen, Personen und Organisationen des nationalsozialistischen Regimes wie auch zu personellen Kontinuitäten in der Nachkriegszeit. In diesem Zusammenhang sind insbesondere zu nennen:

-         Seine Sympathie und seine aktive Unterstützung für die “Volkstumspolitik” des “Dritten Reichs”, besonders mit Blick auf die deutschen Minderheiten „an den Grenzen des Reiches“ sowie durch intensive Unterstützung von deutsch-nationalen Aktivitäten im Elsass,

-         sein intensives Bemühen um Kontakte zu einzelnen führenden Repräsentanten des Nazi-Regimes, darunter Rudolf Heß, Joseph Goebbels, Heinrich Himmler sowie verschiedenen weiteren Funktionsträgern,

-         seine Zusammenarbeit mit – und Unterstützung für – kulturelle Aktivitäten und Prioritäten des Nazi Regimes, insbesondere durch die regimekonforme Ausrichtung von Kulturpreisaktivitäten sowie hiermit in Zusammenhang stehende Stipendien,

-         seine Unterstützung für Organisationen, die entweder dem Nazi Regime eng verbunden oder gar integraler Bestandteil von ihm waren, wie etwa dem VDA, dem Toepfer das Landgut Kalkhorst der Stiftung F.V.S. als „Reichsführerschule“ zur Verfügung stellte,

-         seine Rolle als Wehrmachtsoffizier in der Abwehr von 1940 bis 1945, hier insbesondere seine wirtschaftlichen Bemühungen in Frankreich in den Jahren 1943/1944 kriegswichtige Mittel für Deutschland zu mobilisieren,

-         individuelle Transaktionen von Tochterfirmen des Toepfer Konzerns im besetzten Polen während des zweiten Weltkrieges, die neben Lebensmitteln auch ‘Löschkalk’ an die Ghettoverwaltung von Lodz lieferten. Löschkalk wurde von der Ghettoverwaltung u.a. für die Abdeckung von Massengräbern der im Ghetto ermordeten Menschen genutzt,

-         seine Unterstützung für und Einstellung von zum Teil hochrangigen ehemaligen Funktionsträgern oder Unterstützern des Nazi Regimes in seinen Unternehmungen nach Kriegsende, von denen einigen maßgebliche Verantwortung für die Organisation und Durchführung des Holocausts in Ost- oder Südosteuropa zukam, darunter Edmund Veesenmayer, Kurt Haller, Hans Joachim Riecke,

-         seine langjährige Zusammenarbeit und Arbeitsbeziehungen in seiner Stiftungsarbeit mit weiteren Funktionsträgern und Wissenschaftlern, die in unterschiedlichen Formen oder durch verschiedene Aktivitäten das Nazi-Regime, seine militärischen Aggressionen wie auch seinen grausamen Rassismus während der Zeit des „dritten Reichs“ unterstützt oder gerechtfertigt haben wie zum Beispiel Konrad Henlein, Gustav Adolf Rein, Friedrich Metz, Johann Friedrich Blunck oder Georg Rauschning.

-         seine Unterstützung oder Duldung für eine Anzahl von Preiszuerkennungen seiner Stiftungen an Menschen nach dem zweiten Weltkrieg, die das Nazi Regime während der Zeit des Dritten Reichs entweder aktiv unterstützt oder gerechtfertigt haben.

Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse sind für die Stiftung und die dort Tätigen heute umso irritierender, als dass Toepfer nach dem Zweiten Weltkrieg, wie viele seiner Generation, nie öffentlich seine eigenen Verstrickungen in dieser Zeit oder der Nachkriegszeit thematisiert oder gar eigene Schuld oder persönliche Fehler eingestanden hat. Vielmehr hat Toepfer zu verschiedenen Gelegenheiten eigene Verstrickungen von sich gewiesen und Aspekte seiner Biographie auch gegenüber engsten Wegbegleitern so dargestellt, als habe er dem Regime als Gegner, jedenfalls mit kritischer persönlicher Distanz gegenüber gestanden.

Ein uneingeschränktes Anerkenntnis der vorgenannten Fakten und eine Offenheit in der Kenntnisnahme neuer wissenschaftlicher Forschungsergebnisse sind daher in besonderer Weise Voraussetzungen für die Arbeit der Stiftung heute. Es steht außer Frage, dass sich die Stiftung heute von den Verstrickungen Alfred Toepfers in der Zeit des Nationalsozialismus sowie seiner Unterstützung für Vertreter des Regimes in der Nachkriegszeit distanziert und diese uneingeschränkt bedauert.

Verweise auf die zahlreichen und umfassenden Verdienste Toepfers als Stifter und Mäzen in der Nachkriegszeit sowie die Tatsache, dass Toepfer nach den Erkenntnissen der Kommission weder Mitglied der nationalsozialistischen Partei noch in Kriegsverbrechen oder der aktiven Verfolgung einzelner Bevölkerungsteile involviert war, sollen und können dabei diese Fakten nicht relativieren. Es bleibt zugleich Aufgabe der Stiftung, für einen qualifizierten und differenzierten Umgang mit Geschichte zu werben.

Neben diesem Bemühen um Erforschung und Anerkenntnis der Ergebnisse übernimmt die Stiftung heute vor allem Verantwortung für die Geschichte durch ihre programmatische Arbeit. So hat sich die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. in den vergangenen Jahren von dem auf der Vorstellung von „Kulturräumen“ basierenden Preisprogramm gelöst und stattdessen ihre Ressourcen schon seit vielen Jahren darauf  konzentriert, Künstler, Kulturschaffende und Wissenschaftler zu fördern, die für grenzüberschreitenden Austausch, interkulturelle Begegnung und Verständigung in Europa und darüber hinaus stehen. Die Förderung des Dialogs, die Ermutigung zum Austausch über Unterschiede, die Stärkung von Toleranz und Verständigung sind Kernanliegen unserer Stiftungsarbeit heute. Dies gilt für die europaweiten Stipendienaktivitäten der Stiftung, für die Programmarbeit in Kultur und Wissenschaft wie für die Preiszuerkennungen, die in den letzten Jahren immer wieder Menschen für ihren hartnäckigen, couragierten, ideenreichen und fachlich herausragenden Umgang mit Geschichte, den Fragen der Toleranz und Verständigung sowie der kulturellen Vielfalt gewürdigt haben.

Die nach dem Tod von der Familie gewünschte Aufnahme des Namens des Stifters in die Bezeichnung der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. wird heute weniger als eine undifferenzierte Respektsbezeugung, denn als Akt der Transparenz zur Herkunft des Stiftungsvermögens verstanden und kommuniziert.