Gegenwartsfragen – der neue Programmbereich


Sonja Krajewski , Hamburg


Stiftungen haben die Chance, mit großer Unabhängigkeit relevante Fragen aufzuwerfen und zu bearbeiten. Die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. nutzt diese Freiheit, indem sie in einem experimentellen Programmbereich Fragen von gesellschaftlicher, künstlerischer oder wissenschaftlicher Bedeutung definiert und sich deren Behandlung widmet.

Um den experimentellen Charakter zu unterstreichen, wechseln im fünfjährigen Turnus Titel und Inhalte dieses Programmbereichs. In den vergangenen fünf Jahren stellte die Stiftung in  ihrem Programmbereich WerteDialog  mit stets neuen Bezügen die Frage Was ist wichtig?

Unter dem Titel Gegenwartsfragen startet die nächste Phase des Programmbereichs und stellt  von 2010 bis 2015 zehn exemplarisch gewählte Fragen in den Raum, um sie in verschiedenen Kontexten zu bearbeiten und zum Nachdenken, zum Austausch und zur Interaktion anzuregen.

Was ist wichtig?

Was wirkt?

Was macht Mut?

Wo findet Erziehung statt?

Wer bestimmt eigentlich?

Wie verstehen wir uns?

Was ist gerecht?

Wo ist zu Hause?

Wie funktioniert Bildung?

Wie entstehen Ideen?

Innerhalb der Aktivitäten dieses Programmbereichs agiert die Stiftung vor allem als Fragenstellerin, die, gespannt auf Antworten – seien sie spielerisch, nachdenklich oder experimentell – den Raum, Rahmen und Austausch ermöglicht. Dazu initiiert sie Projekte und Programme in unterschiedlichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

Darüber hinaus möchte die Stiftung aber nicht nur Fragen stellen, sondern auch selbst Rede und Antwort stehen.  Deshalb werden die Fragen wie ein roter Faden auch die weiteren Aktivitäten der Stiftung durchziehen und beispielsweise Preisverleihungen oder Konzerte prägen oder auch als Anregung für Projekte im Sonderbereich natur@toepfer wirken.
Zukünftig setzt auch das NETZWERKmagazin jeweils durch eine der Gegenwartsfragen einen thematischen Schwerpunkt.

 

Aktivitäten im Programmbereich Gegenwartsfragen

♦ Lernen vor Ort

Im Bildungssektor setzt die Stiftung erstmalig explizit ein Handlungsschwerpunkt. Um zukunftsweisende Antworten auf die Fragen Wo findet Erziehung statt?  Wie funktioniert Bildung? und Wo ist zu Hause? zu finden, fragt man am besten die Fachleute und Akteure vor Ort:

Hier steht das Förderprogramm „Lernen vor Ort“ im Zentrum für das in Hamburg die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. gemeinsam mit der Körber-Stiftung und der Haspa Hamburg Stiftung eine Patenschaft übernommen hat. „Lernen vor Ort“ ist eine in seiner Dimension einzigartige öffentlich-private Bildungspartnerschaft zwischen Bund, Kommunen und 110 deutschen Stiftungen. Alle beteiligten Akteure erarbeiten für ihre Region ein effektives Bildungsmanagement, um die bestehenden Bildungsangebote besser miteinander zu verzahnen. Das Ziel ist es, langfristig alle Bürgerinnen und Bürger nahtlos darin zu begleiten, ihre Bildungsbiographien aktiv zu gestalten und Fördermöglichkeiten wahrzunehmen – ob in der frühkindlichen Bildung, an der Schwelle von der Schule zum Beruf, bei Fragen der Weiterbildung oder im Ruhestand.

Auch in Hamburg soll bis 2012 eine Basis für  nachhaltige Formen der Zusammenarbeit aller Bereiche des Hamburger Bildungswesens entstehen. Behörden, Bezirke und Patenstiftungen wollen durch „Lernen vor Ort“ eine gesamtstädtische Kooperationskultur entwickeln, damit Bildung in der Hansestadt für den Einzelnen kein Zufall mehr bleibt


♦ Art School Alliance

Wie entstehen Ideen? Eine Gesellschaft braucht Impulse von Künstlern – ihren teils kritischen, ironischen oder überraschenden Blick auf das Zeitgeschehen.

Gerd Gropp / aboutpixel.de

Um Ideen entwickeln zu können, brauchen Künstlerinnen und Künstler Raum für Kreativität. Deshalb öffnet die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. gemeinsam mit der Hochschule für bildende Künste Hamburg ab Oktober 2010 die „Art School Alliance“ im Karolinenviertel. Im Zentrum der Kulturszene zwischen St. Pauli und Schanzenviertel leben auf 400qm für je ein Semester acht internationale Studierende in Wohnateliers. Die Ateliers bieten nicht nur Raum für kreatives Schaffen, sondern sollen gleichzeitig als Ort der Inspiration dienen, indem sie den Austausch mit deutschen „Paten“ – Studierenden der HFBK – anregen. Die Paten können im Folgesemester dann selbst an eine der Partneruniversitäten gehen. Dazu intensiviert die Hochschule für bildende Künste Hamburg ihre Zusammenarbeit mit ausgewählten Kunsthochschulen in den USA, China und Europa.


in between – Drehbuchstipendium für Absolventen der Hamburg Media School

Einen Zeitraum stellt die Stiftung Absolventen der Hamburg Media School zur Verfügung: Da Film  als ein besonders direktes Medium auf sein Publikum wirkt, möchte die Stiftung in den kommenden fünf Jahren angehende und professionelle Filmemacher dazu anregen ihre Arbeiten in Bezug zu den Fragen zu setzen. Dazu setzt sie durch die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Kooperationspartnern rund um das Medium Film jährlich wechselnde Akzente.

Studenten der HMS bei Dreharbeiten. (c) Sebastian Isacu

Im Herbst 2010 vergibt sie das Stipendium „in between“ an zwei Absolventen der Hamburg Media School. Die Stipendiaten können sechs Monate lang, zunächst unabhängig von wirtschaftlichem Druck, ein Drehbuch entwickeln. Maßgeblich für die Bewerbung sind ein Übungsfilm aus der Studienzeit, eine Ideenskizze zum Drehbuch, das in den sechs Monaten geschrieben werden soll, sowie – unter der Leitfrage Was ist (mir) wichtig? – eine Auseinandersetzung mit der eigenen künstlerischen Position. Die Stipendiaten werden von einem unabhängigen Kuratorium ausgewählt.

 

Einbindung in die Arbeit der Stiftung

Die Fragen sollen auch den Aktivitäten der Stiftung im Wissenschaftskontext immer dann, wenn sich thematisch sinnvolle Bezüge ergeben,  als Anregung dienen. So werden die Akademien des Stipendiatenkollegiums an den Gegenwartsfragen ausgerichtet sein. Schon in diesem Jahr arbeiteten die Referenten der Stipendiatenakademie 2010 mit ihren Teilnehmenden an den Fragen Wer bestimmt eigentlich? und Was macht Mut?

Eine Auseinandersetzung der Dozenten, die sich in ihrem Seminar mit dem Frage „Wer bestimmt eigentlich?“ beschäftigten, können Sie im Folgenden lesen.

Mehr über den Programmbereich Gegenwartsfragen finden Sie hier.


Wer bestimmt eigentlich?

Diese Frage bearbeiteten Dr. Tilmann Eckloff und Dr. Niels van
Quaquebeke von der Hamburger RespectResearchGroup zusammen mit acht Stipendiaten während der Stipendiatenakademie vom 07. – 12. Juni 2010.

Tilman Eckloff & Niels van Quaquebeke


Derjenige, der die Macht hat. Zumindest ist das die naheliegende Antwort. Aber wer hat die Macht? Derjenige, dem die anderen folgen. Wem nicht gefolgt wird, hat auch keine Macht. Aber wer bestimmt dann? Wer bestimmt, wenn diejenigen, über die man potentiell bestimmen könnte, selber mitbestimmen, wer bestimmt? Die Frage nach der Bestimmung ist offensichtlich nicht trivial. Sicher ist jedoch: Sie hat immer etwas mit einem selbst zu tun. Und sie hat entscheidenden Einfluss darauf, wie sich das Zusammenleben in unserer Gesellschaft gestaltet.

Wem folgen Sie? Nehmen Sie sich bitte jetzt eine Minute Zeit, um zu überlegen, wer in Ihrem Leben bestimmt beziehungsweise von wem (oder was) Sie sich bestimmen lassen.

Wenn morgens beispielsweise der Wecker klingelt, warum stehen Sie auf? Vielleicht haben Sie sich irgendwann einmal entschieden, einen neuen Job anzunehmen, bei dem Sie morgens zu einer bestimmten Zeit im Büro sein müssen. Wer bestimmt in dieser Situation? Bestimmt der Wecker, weil er Sie mit seinem Klingeln aufweckt? Bestimmen Sie, weil Sie einfach Lust haben, Ihr Tagewerk zu beginnen? Bestimmt der Job, weil er Ihnen vorgibt, wann Sie aufzustehen haben? Oder bestimmen Sie, weil Sie sich damals für den Job entschieden haben? Vermutlich ist all dies schon vorgekommen: Sicherlich haben auch Sie den Wecker schon einmal verflucht, aber ebenso auch schon voller Freude Ihr Tagewerk in Angriff genommen. Sie haben vermutlich schon auf die Zwänge der Erwerbstätigkeit geschimpft, aber sich auch schon für Ihre Situation voll verantwortlich gefühlt. Interessant ist: Das Erleben von Selbstbestimmung oder Fremdbestimmung hängt offensichtlich nicht ausschließlich von den äußeren Gegebenheiten ab, sondern immer auch davon, wie wir uns dazu stellen: In ein und derselben Situation können wir uns als Bestimmer oder als Bestimmte erleben. Wir können dieselbe Situation als Zumutung empfinden oder als Ausdruck unserer selbstbestimmten Entscheidungen.

Ein anderes Beispiel. Stellen Sie sich vor, Sie geben ein Seminar für die Sommerakademie 2010 der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. zum Thema „bestimmen, bestimmen lassen und bestimmt werden“. Auch hier stellt sich die Frage, wer bestimmt beziehungsweise wie bestimmt wird. Vielleicht richten Sie sich eher an der Maxime aus, dass es wichtig sei, als Seminarleitung zu bestimmen. Dann würden Sie den Lernprozess der Teilnehmenden aktiv führen und prägen, indem Sie die volle Verantwortung für Struktur, Zeit und Inhalt übernehmen, um auf diese Weise einen möglichst großen Erkenntnisgewinn bei den Teilnehmenden zu bewirken und für das Thema zu begeistern. Vielleicht orientieren Sie sich aber auch an der Maxime, dass es wichtig sei, die Teilnehmenden so viel wie möglich selbst bestimmen zu lassen. Dann würden Sie diese zur Eigenverantwortung ermutigen, ihnen Freiheit geben, Lernräume schaffen und darauf vertrauen, dass auf diese Weise ein möglichst großer Erkenntnisgewinn und Begeisterung für das Thema bewirkt werden kann. Auf sehr unterschiedliche Weise kann also ein sehr ähnliches Ergebnis angestrebt werden. Im Wertequadrat von Schulz von Thun (siehe Abbildung) können beide Maxime als Tugenden dargestellt werden (die beiden oberen Kästchen), als Werte, an denen man sich orientieren kann, um sein Handeln in einer solchen Situation auszurichten.

Abbildung: Bestimmen und bestimmen lassen im Wertequadrat von Tugend und Untugend


Keiner der Werte ist nun prinzipiell besser als der andere. Denn klar ist: Nur in einem positiven Spannungsverhältnis zum jeweiligen Gegenwert, können sie ihre positive Wirkung entfalten. Wenn das Bestimmen übertrieben wird, dann verkommt es zu diktatorischem Gängeln (das Kästchen unten links) und man würde einem Trainer mit einem solchen Führungsstil vielleicht selbstsüchtiges Machtstreben unterstellen, weil er keine Eigenständigkeit und Initiative der Teilnehmenden zulässt, sondern erwartet, dass man seinen Ideen und Anweisungen bedingungslos und begeistert folgt. Dasselbe gilt für das Bestimmenlassen. Ohne ein bisschen aktive Führung und Strukturierung, verkommt dieser Stil zum verantwortungslosen Laissez Faire (das Kästchen unten rechts). Es geht drunter und drüber und man würde einem Trainer mit einem solchen Führungsstil mangelnde Verantwortung und Konturlosigkeit vorwerfen und sich fragen, warum er überhaupt da ist. Erst in ausgehaltener Spannung zu ihrem jeweiligen Gegenwert können beide Werte auf ihre je eigene Weise fruchtbar werden und zum Gelingen beitragen.

Das Verständnis der Grundstruktur des Wertequadrates ist hilfreich, um die Dynamik von Konflikten zu verstehen. Im Konflikt wähnen sich die Konfliktpartner meist selbst auf der Höhe der Tugend (eines der oberen beiden Kästchen) und nehmen den anderen im Keller der Untugend wahr (das jeweils diagonal entgegengesetzte untere Kästchen). Fast immer lässt sich jedoch in dem, was der andere vertritt, ein höheres Prinzip erkennen, welches durchaus den Rang der Tugend verdient hätte. Nur sind wir in der Hitze des Konfliktes meist blind dafür und vergessen, dass auch unsere Position ohne ein Gegengewicht Gefahr läuft in die Tiefe der Untugenden hinabzustürzen. So wird Sparsamkeit ohne Großzügigkeit zu Geiz aber Großzügigkeit ohne Sparsamkeit wird zu Verschwendung. Vorsicht ohne Mut wird zu Feigheit aber Mut ohne Vorsicht wird zu Leichtsinn usw.

Die Seminarteilnehmer im Gespräch

Um unser Handeln auszurichten, orientieren wir uns immer an Prinzipien, die wir in einer gegebenen Situation für sinnvoll und richtig erachten. Die entscheidende Frage ist nun aus unserer Sicht nicht, welches Prinzip tatsächlich richtig oder besser ist, denn viele Prinzipien können hilfreich und gut sein. Entscheidend ist vielmehr die Frage: Wie gehen wir mit dem Anderen um, wenn  er sich in einer gegebenen Situation an einem Prinzip orientiert, welches unserem Prinzip entgegensteht? Diese Frage ist in ihrem Kern eine Frage des Respekts. Denn den anderen (und sich selbst) respektieren, heißt anzuerkennen, dass der Andere das prinzipiell gleiche Recht auf freie Entfaltung hat wie man selbst; dass der Andere prinzipiell das gleiche Recht hat wie wir, sich an denjenigen Prinzipien zu orientieren, die er für sinnvoll hält. Damit ist der Konflikt natürlich nicht aus der Welt, aber es ist die Grundlage dafür geschaffen, dass man den Anderen nicht mehr als Gegner im Konflikt wahrnimmt. Denn wenn wir genau hinschauen, würden wir feststellen, dass das Prinzip, was der andere vertritt, uns selbst in anderen Situationen auch schon als Grundlage für unser Handeln gedient hat. Der Andere hat also lediglich die Wahl getroffen, sich im konkreten Fall an diesem anderen Prinzip zu orientieren. Er ist somit nicht mehr Gegner, weil wir sein Prinzip als ein auch für uns gültiges Prinzip erkannt haben. Wenn wir das im Konfliktfall anerkennen, wird es einfacher sein, eine Lösung zu finden, die beiden Prinzipien gerecht wird und damit die Freiheit für alle Beteiligten so wenig wie möglich einschränkt.

Respekt als Basis für ein gutes Miteinander

Wenn beispielsweise zwei Trainer das Seminar für die Sommerakademie geben und sich der eine in seiner Art der Moderation eher an der Maxime des Bestimmens im Sinne eigener sozialer Verantwortung und der Andere eher an der Maxime des Bestimmenlassens im Sinne der Ermutigung zur Eigenverantwortung orientiert, so könnten sie zwar darüber diskutieren, welcher Stil der bessere sei. Wenn beide jedoch den Wert des jeweils anderen Stils anerkennen und in gegenseitigen Respekt ihre Unterschiedlichkeit in das Seminar einbringen, kann das Seminar als ganzes nur gewinnen. Einige der Teilnehmenden orientieren sich dann vielleicht eher an dem einen Trainer und für die anderen ist der andere Führungsstil gerade richtig. Ein Nivellieren der Unterschiede würde zu einer unnötigen Einschränkung des Möglichkeitsraums sozial produktiver Interaktion führen.

Das bedeutet für die eingangs gestellte Frage: Wenn ein Einzelner plötzlich über alle Anderen bestimmen könnte, würde diese Diktatur alle Vielfalt zerstören und nur die Freiheit dieses Einzelnen maximieren, nicht die Freiheit aller. Wenn jedoch keiner mehr bestimmen würde, gingen auch diejenigen Strukturen verloren, die Freiräume und Freiheit für den Einzelnen schaffen. Auch hier ginge also letztlich Freiheit verloren. Die Alternative einer dialektischen Balance, in der wir als mündige Bürgerinnen und Bürger gemeinsam über unser Miteinander entscheiden, ist oft mühselig und manchmal ein hartes Stück Arbeit, aber aus unserer Sicht wohl der einzige Weg, wie Vielfalt und Freiheit für möglichst Viele garantiert werden kann. In diesem Sinne verstehen wir unsere Arbeit: Einen Beitrag zu leisten, damit in unserer zunehmend komplexer werdenden Welt ein von Respekt getragenes Miteinander dem Einzelnen ermöglicht, so weit es geht nach seiner Facon glücklich zu werden.
Dr. Tilman Eckloff & Dr. Niels van Quaquebeke


Wissen aus der Sozialpsychologie
Wie sehr das Ergebnis gemeinsamer Arbeit von der Frage des Bestimmens abhängt, zeigt ein Experiment des (Sozial)psychologen und Begründers der Gruppendynamik Kurt Lewin. Er unterteilte Kinder auf einem Sommerlager in drei Gruppen. Alle drei Gruppen hatten die Aufgabe, ein möglichst großes Loch in die Erde zu graben. Jeder Gruppe wurde ein Betreuer zugeteilt, der nach einer gewissen Zeit die Gruppe allein lassen sollte. Der Betreuer in der ersten Gruppe hatte einen autokratischen Führungsstil. Er sagte den Kindern, wer was zu tun hat und hielt sie an, möglichst effektiv und schnell das Loch zu graben. Der Betreuer in der zweiten Gruppe hatte einen demokratischen Führungsstil. Er überlegte mit den Kindern gemeinsam, wie sie die Aufgabe bewältigen wollen und entschied mit ihnen gemeinsam, was zu tun sei. Der Betreuer in der dritten Gruppe hatte einen Laissez-Faire Führungsstil. Er ließ die Kinder einfach machen, wie sie wollten. Das Ergebnis war aufschlussreich: Die Kinder, die autokratisch geführt wurden, gruben zwar eifriger als die Kinder in den beiden anderen Gruppen das Loch. Als der Betreuer jedoch gegangen war, rührten sie keinen Finger mehr. Die Kinder, die demokratisch mitbestimmen konnten, waren zwar in Anwesenheit des Betreuers nicht so effektiv wie die erste Gruppe, aber gruben eifrig weiter, auch als der Betreuer gegangen war. Die Kinder in der dritten Gruppe, die ganz allein bestim-men konnten, brachten kaum etwas zu Stande. Letztlich war also diejenige Gruppe am effektivsten, bei der die Frage des Bestimmens ausgehandelt wurde und bei der bestimmen und bestimmt werden in einem ausgewogenen Verhältnis stand.
(siehe Studien von Lewin, Lippitt, & White, 1938)

Wer bestimmt in den Medien?

Ein  Antwortversuch für Wissenschaftler. 


Kathrin Fischer, Frankfurt/M. & Martin Hubert, Köln

 

Die Frage „Wer bestimmt in den Medien?“  ist eine große Frage. Auf solche große Fragen gibt es allerdings selten eine große Antwort. Sondern nur verschiedene Ansätze, Antworten zu finden. Spontan drängt sich zunächst eine sozioökonomische Antwort auf: wer hat genug Macht und Geld, um seine Inhalte in der Medienlandschaft durchzusetzen? Das Berliner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik gibt darauf für das Jahr 2009 eine klare Antwort. An erster Stelle im medienökonomischen Ranking steht die Bertelsmann AG, die unter anderem die RTL Group, Zeitschriften wie Stern, Brigitte, Geo oder den Random House Verlag umfasst. Dahinter folgen die ARD, ProSieben Sat1, die Axel Springer AG und die Hubert Burda Media Holding.

Solche Rankings sind besonders sinnvoll, wenn es um medienpolitische Fragen geht: Wie schreitet der Konzentrationsprozess in den Medien voran? Inwieweit wird dadurch die Meinungsvielfalt eingeschränkt? Wer bestimmt die großen Linien medialer Entwicklung?

Allerdings lässt sich aus solchen ökonomischen Gegebenheiten nicht (oder nur selten) direkt auf die Inhalte schließen, die in einem bestimmten Medienorgan präsentiert werden. Obwohl Stern und Brigitte beide zur Bertelsmann AG gehören, vermitteln sie andere Inhalte und richten sich an unterschiedliche Leserkreise. Zwar bestimmen Verlags- und Unternehmensleitungen die Grundausrichtung eines Medienorgans, indem sie die Geschäftsführung und die Chefredaktion einsetzen. Aber jede Redaktion besitzt einen nicht zu unterschätzenden Spielraum, um ihre Themen und Darstellungsformen auszuwählen.

Für Wissenschaftler ist es daher von großer Bedeutung,  mehr über diesen Spielraum zu erfahren, über die Arbeitsweise und Auswahlkriterien von Redaktionen. Denn dieses Wissen gibt Antwort auf die Frage: „Wer oder was in den Medien bestimmt darüber, welches wissenschaftliche Thema zu einem öffentlichen Thema werden kann?“

Mit eben dieser Frage haben wir uns in einem Stipendiatenseminar der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. auf Gut Siggen beschäftigt. Ohne allerdings eine große Antwort geben zu können. Denn die neuere Medienforschung versteht Redaktionen weniger als Ansammlung von Personen, die gezielt nach redaktionell festgelegten Kriterien Themen auswählen. Vielmehr fasst sie Redaktionen als sich selbst organisierende soziale Systeme auf, die selbst wieder verschiedenen Faktoren unterliegen. Auf der einen Seite stehen die ökonomischen, publizistischen oder auch politischen Vorgaben des Medienunternehmens, die wie schon erwähnt  durch Chefredaktion und Geschäftsführung verkörpert werden. Auf der anderen Seite stehen empirische Zielgruppen –und Quotenanalysen, die den Redaktionen zeigen, welche Rezipienteninteressen sie bedienen müssen bzw. inwiefern ihnen das gelingt. Redaktionen operieren im Spannungsfeld dieser Faktoren. Innerhalb dieses durchaus nicht spannungsfreien Rahmens modifizieren Redaktionen ihre Auswahlkriterien permanent - in ständigen Redaktionskonferenzen, beim alltäglichen Redigieren und Diskutieren der Beiträge. Insofern sind sie  relativ eigenständige  soziale Systeme.  Als solche bilden sie so genannte „frames„ aus, ein  Standardrepertoire vorgefertigter Lösungen. Diese frames oder „Schubladen“ sind weniger inhaltlich definiert als durch die Verfahrensweise, wie man mit einem Stoff umgeht: macht man aus dem Stoff eine Kurznachricht oder einen großen Artikel, einen Aufmacher oder einen Hintergrundbericht, einen ernsten Kommentar oder eine Glosse? Die Auswahlkriterien, die dabei eher automatisch und unbewusst zum Einsatz kommen, lauten vor allem: wie neu, aktuell  und relevant ist ein Thema? Dabei hat ein Thema umso mehr Chancen, je mehr soziale relevante Aspekte es berührt. Ideal sind  Themen, die sowohl wissenschaftliche, ethische, zwischenmenschliche, politische, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte in sich vereinen. Ein Paradebeispiel ist die Gen-und Biotechnik. Mindestens ebenso wichtig für Redaktionen sind aber auch Kriterien wie die Verständlichkeit, Anschaulichkeit und die erzählerische Dramaturgie eines Beitrags: versetzt er den Rezipienten in Staunen und Spannung, setzt er an seiner Alltagserfahrung an, bleibt er aufgrund seiner Sprache und Bilder  in Erinnerung?

Diese frames und Kriterien sind zunächst einmal für alle Medien gültig: die verständliche, interessante und unterhaltsame Präsentation eines relevanten Themas ist sozusagen ein „Grundgesetz der Medien“.Aber natürlich gibt es in den verschiedenen Medienorganen – von FAZ bis BILD - gewaltige Unterschiede darüber, was die Redakteure unter Verständlichkeit und Relevanz verstehen.

Die Stipendiaten diskutieren ihre selbstverfassten Texte mit den Dozenten.
Das Ziel: Aus einem wissenschaftlichen Text einen druckbaren Artikel machen.

Das Siggener Stipendiatenseminar, das Einblick in den Wissenschaftsjournalismus verschaffen sollte, ging daher in zwei Schritten vor: Zum einen bearbeiteten die beiden Dozenten gemeinsam mit den Stipendiaten Texte der Stipendiaten, in denen diese ihr Arbeitsgebiet im Hinblick auf die Frage vorgestellt hatten, warum ausgerechnet ihr Forschungsvorhaben gesellschaftlich relevant sei.
Die zunächst wenig fokussierten und wenig anschaulichen Texte  wurden in einem wechselseitigen, dialogischen „work in progress“ auf eine  gesellschaftlich möglichst relevant Kernaussage zugespitzt („What’s the story?“) Im Anschluß daran präsentierten wir die gemeinsam herausgearbeitete Kernaussage so anschaulich und erzählerisch  wie  möglich.

Die Stipendiaten erfuhren so zum einen ganz konkret, wie die  Präsentationsweise darüber mitbestimmen kann, welche wissenschaftlichen Themen in den Medien erscheinen. Zum anderen erfuhren sie, dass es nicht alleine die Präsentationsweise ist, die darüber entscheidet, ob ein Thema „ein Thema“ wird: Es ist vor allem die gesellschaftlich anschlussfähige Zuspitzung. Ein guter Wissenschaftsjournalist „hübscht“ also nicht lediglich sperrige wissenschaftliche Texte auf – er arbeitet die Kernthese und ihre Konsequenzen heraus.

Darüber hinaus diskutierten wir im Seminar kontroverse Beispiele popularisierender oder sachlicher Wissenschaftsberichterstattung und vermittelten Einblicke in die Arbeitsweise von Redaktionen. So erarbeiteten sich die Stipendiaten Kriterien, mit denen sie selbst entscheiden können, in welchen Kontexten und bis zu welcher Grenze sie sich auf das Spiel der Medien einlassen wollen. Denn letztlich werden Wissenschaft und Medien immer zwei Systeme bleiben, deren Kriterien (Wahrheitssuche vs. Information) nicht völlig ineinander überführbar sind. Wichtig scheint es uns gerade deshalb zu sein, dass Wissenschaftler und Journalisten sich immer wieder gegenseitig über ihre unterschiedlichen Kriterien aufklären. Dann lässt sich eine gemeinsame Arbeitshaltung finden, die die Medien nicht zum Anhängsel der Wissenschaft erklärt, dieser aber den Platz in der Öffentlichkeit verschafft, der ihr gebührt. 
Kathrin Fischer & Martin Hubert


Der kreative Querulant

Unbequeme Fragen zu stellen ist eine Spezialität von Andri Snær Magnason. Der isländische Autor, Filmemacher und diesjährige KAIROS-Preisträger hinterfragt scheinbar Selbstverständliches und erzielt damit eine erstaunliche Wirkung.


Uta Gielke, Hamburg

 

Zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte die Regierung Islands beschlossen, die Energieproduktion des Landes zu verdoppeln und den Bankensektor zu deregulieren, um finanzkräftige Investoren ins Land zu locken. Die energiehungrige Aluminiumindustrie ließ nicht lange auf sich warten. In beängstigendem Tempo wurden riesige unberührte Wildnisgebiete in ein gewaltiges System aus Wasser- und Erdwärmekraftwerken mit Staudämmen und Stauseen verwandelt, um die Schwerindustrie mit Strom zu versorgen. Nach dem Finanzcrash 2008 wurden die Isländer mit bitteren Wahrheiten konfrontiert: Aluminium wurde in Zeiten der Krise nicht mehr gebraucht, die Natur hatte man für einen kurzen Geldsegen geopfert und selbst dieses Geld verlor rapide an Wert.

Andri Snær Magnason

Andri Snær Magnason hatte bereits 2006 vor diesem Szenario gewarnt. In seinem mittlerweile zum Bestseller avancierten Buch „Dreamland“ stellte er vermeintlich unverrückbare Gewissheiten selbstbewusst infrage: Noch geht es uns wirtschaftlich gut in Island – aber wie lange noch? Sollten wir wirklich nur auf Aluminiumkonzerne setzen, die unsere billige Energie nutzen und damit zugleich unsere Natur zerstören? Warum können wir Isländer nicht glauben, dass unsere eigene Findigkeit und Kreativität, unser reiches kulturelles Erbe und vor allem unsere  einzigartige Natur die Schlüssel dafür sind, um die künftige wirtschaftliche und soziale Entwicklung voranzutreiben? Warum denken wir, dass wir nur mit Hilfe großer multinationaler Konzerne überleben können? Warum können wir nicht glauben, dass es mehr als EINE Möglichkeit gibt? Die Frage, wer eigentlich bestimmt, beantwortete Magnason auf seine Weise. Er nutzte die Freiheit des Künstlers, machte seine Zweifel öffentlich, zeigte Alternativen auf – und wurde damit zur Stimme einer wachsenden Gegenbewegung in Island. Um auf die massive Naturzerstörung hinzuweisen, initiierte er 2009 zusammen mit der Musikerin Björk und der Band Sigur Rós das Náttúra-Festival – mit überwältigender Resonanz: Jeder zehnte Isländer kam.

Zuvor bewies Magnason mit dem Projekt Lights out/Stars on, dass er nicht nur politisch, sondern auch poetisch denkt: Am Abend des 28. September 2006 ließ er mit Genehmigung des Stadtrates in Reykjavik und den angrenzenden Gemeinden eine halbe Stunde lang alle Stadtlichter ausschalten, so dass die Pracht des Sternenhimmels sichtbar wurde. Während dieser Zeit erklärte ein renommierter Astronom im Radio die Sterne und deren Konstellationen. Diese Aktion sollte nicht nur auf das Problem der globalen Erwärmung aufmerksam machen, sondern verdeutlichen, dass wir die erste Generation ohne Zugang zu einem echten Sternenhimmel sind und uns das Universum als primäre Inspiration für Wissenschaft, Religion, Kunst und Philosophie verloren gegangen ist. Wenigstens für diesen Moment jedoch holte Magnason die Sterne zurück.

Dass es Magnason nicht nur um kluge Fragen, sondern auch um kluge Lösungen geht, beweist er mit seiner jüngsten Initiative. In einem stillgelegten Elektrizitätswerk in Reykjavík baut er gemeinsam mit Architekten, Designern, Ökonomen und Erfindern, die in Folge der Krise arbeitslos geworden sind, ein Prototype-Centre auf. Vom smarten Design bis zur alternativen Energieversorgung – Ideen gibt es genug in Island und vielleicht haben einige von ihnen ja das Potential zur Weltkarriere.   Uta Gielke

Magnason auf dem Weg nach Dreamland